Wann sollte man eine Reserve aktivieren???

Allgemeines zur Kappentrennung:
Eine Kappentrennung muss stets entschlusskräftig, schnell und sicher durchgeführt werden. "Sicher" ist nur, wer
- das Verfahren mehrmals am Boden geübt hat,
- von Zeit zu Zeit alle nötigen Handgriffe durchdenkt und diese jeweils "wie im Schlaf" beherrscht,
- bei jedem Sprung auf den Notfall vorbereitet ist,
- sein Kappentrennsystem öfters mal überprüft,
- den Reservefallschirm in regelmäßigen Abständen packt (oder durch einen ausgebildeten Packer packen lässt) und volles Vertrauen dazu hat.

Gründe für eine sofortige Kappentrennung und Reserveschirmöffnung sind:
- starke, nicht  ausgleichbare Drehungen,
- unvollständiges Entfalten der Kappe, das sich auch durch "Pumpen", d.h. kräftiges, gleichmäßiges Durchziehen der Steuerleinen nicht beheben lässt,
- Beschädigung der Kappe oder der Leinen, die die Flugeigenschaften stark beeinträchtigen.

NOTPROZEDUR: RUHE BEWAHREN, HÖHENKONTROLLE => 
ABTRENNEN und RESERVE ZIEHEN

 

Es werden 4 Öffnungsphasen kategorisiert:

Fallschirmkappe in Ordnung => Landen am Hauptschirm
Fallschirmkappe leicht gestört => behebbar => Landen am Hauptschirm
=> nicht behebbar => Landen mit Landefall
Fallschirmkappe schwer gestört   => erweiterte Funktionskontrolle
          ja => Landen mit Landefall
         nein => Landen an der Reserve
Fallschirmkappe fehlgeöffnet (extrem gestört ) => Landen an der Reserve

Erweiterte Funktionskontrolle bei leichten bzw. schweren Störungen:
- Höhenkontrolle
- Vorbremsung lösen
- 360° Drehung nach rechts / 360° Drehung nach links
- eine Vollbremsung aus voller Fahrt
                       Hinweis: Der Fallschirm muss die erweiterte Funktionskontrolle zufriedenstellend durchfliegen. Ist die Steuerung oder das                        Bremsen zweifelhaft, dann handelt es sich bereits um eine Fehlöffnung, mindestens aber um eine Öffnungsstörung.

 

Entscheidungshöhe 500 m/GND:

                                    - über   500 m/GND => Abtrennen und Reserve ziehen
                                    - unter   500 m/GND => Reserve dazuziehen bzw. sofort Reserve ziehen 

Notprozedur: Höhenkontrolle => Abtrennen und Reserve ziehen

 

Einige mögliche Störungen:

Steuerleinenriss:
Ein Riss der Steuerleine bedeutet, dass der Schirm nur noch zu einer Seite hin optimal gesteuert werden kann, nämlich zur Intakten. Die gerissene Seite ist trotzdem nicht ganz verloren. Ihre Aufgabe kann, wenn auch nur bedingt, der hintere Tragegurt übernehmen, denn an ihm sind die restlichen hinteren Leinen befestigt. So ist es möglich durch ein Ziehen am hinteren Tragegurt dennoch eine Kurve einzuleiten.
Gründe für eine Trennung der Hauptkappe sind jetzt evtl. auftretende schnelle Drehungen, besonders bei kleinen Hochleistungskappen.
Bei großen Kappen (z.B. Foil 282) ist eine Trennung nicht unbedingt notwendig, sie können auch wie oben beschrieben über die hinteren Tragegurte gesteuert und gelandet werden.

Fangleinenriss:
Die Fangleinen geben dem Schirm durch ihre Länge und ihre Anbringung die nötige Form (s. Flugzeugflügel), um den Springer zu tragen. Jede Änderung des Profils beeinträchtigt das Sinkverhalten des Schirms. Je nachdem wie viele Leinen wo gerissen sind, wird aus der Flügelform schnell ein "Spitzdach" oder ein "Halbmond" In ganz krassen Fällen verliert der Schirm dann seine Form und klappt zusammen. Man spricht nun von einer "Fahne". D.h. der Springer muss isch am Schirm entscheiden, ob die Tragkraft des Schirmes noch für ihn ausreicht um sicher zu landen oder ob er sicherheitshalber die Reserve zieht.

Stehwandriss:
Die Stehwände befinden sich zwischen den einzelnen Kammern des Schirmes. Auch sie geben dem Schirm seine Form. Im Prinzip ist hier genauso zu verfahren wie mit den Leinen. Wie viele Stehwände sind z.B. bei der Öffnung gerissen? Hält der Schirm mein Gewicht? Kann ich langsam genug landen (abbremsen)? usw.
Eine gerissene Stehwand alleine stellt in der Regel noch keine Gefahr dar. Bei mehreren Wänden und zunehmender Instabilität sollte dann jedoch die Reserve gezogen werden.
Achtung: Die Löcher (Crossports = Überströmöffnungen innerhalb der Stehwände des Flächenfallschirms) in den Stehwänden sind normal und sollten nicht zum Trennen der Hauptkappe führen.

Risse in der Kappe:
Gleiches Verfahren wie oben bereits beschrieben. Kleine Risse oder auch ein längerer Riss stellen noch keine Gefahr dar. Erst die Summe an Rissen beeinträchtigt das Verhalten des Schirmes. Sollten Risse erkannt werden und nicht allzu groß sein, können diese nach der Landung durch einen Prüfer Klasse V mit geeignetem Material repariert werden.

Riss des Sliders:
Der Slider verzögert die Öffnung. Sollte er einmal reißen, muss er auf jeden Fall vor dem nächsten Sprung erneuert werden, da sonst die nächste Öffnung sehr hart werden kann. Ein Grund die Hauptkappe abzuwerfen besteht jedoch zu keiner Zeit.

Wippen am Schirm nach der Öffnung:
Wippen am Schirm nach der Öffnung ist ein Phänomen, welches häufig beim falsch eingestellten Zielschirm auftritt (u.a. beim Foil). Das liegt in der Regel daran, dass die Vorbremsung zu "scharf" eingestellt ist. Auch wenn die Vorbremsaugen nach Werkseinstellung vorgefertigt sind, heißt das noch lange nicht, dass diese auch für den einen speziellen Schirm die Richtige ist. Die Vorbremsung ist dann in der Regel zu weit oben und der Schirm öffnet schon im "Stall" und es kann u.a. zum "Wippen" kommen.
Keine Panik, der Schirm öffnet sich in der Regel dann doch noch richtig, also nicht abhängen. Bei kleineren Hochleistungskappen ist dieses Phänomen von mir noch nicht beobachtet worden.
Einfache Abhilfe kann hier entweder durch das Knoten der Vorbremsung unter der "alten" Vorbremse geschaffen werden oder nach dem Sprungdienst zum Prüfer Klasse V und sich eine neues Vorbremsauge einbauen lassen, am besten schon vorher mit den Knoten ausprobieren, wo das neue "Auge" hinsoll.

Flächenreserve ist zusätzlich zum Hauptschirm offen = Doppelöffnung

n     PLANE-Situation ( Schirme hintereinander )
ð   
Vorbremsungen möglichst nicht lösen
ð    vorsichtig mit ( den hinteren Haupttragegurten ) der Hauptkappe steuern = Hauptschirm nicht abtrennen = Situation landen
ð    landen ohne Flare im Landefall

n     SIDE-BY-SIDE-Situation ( Schirme nebeneinander )
ð    wenn Reserve vollständig offen und eindeutig vom Hauptschirm getrennt = Hauptschirm abtrennen
ð    wenn Reserve nicht geöffnet = einziehen und zwischen die Beine klemmen
ð    wenn Hauptschirm nicht geöffnet, aber von der vollständig geöffneten Reserve getrennt = Hauptschirm abtrennen
ð    wenn Hauptschirm und Reserve verwickelt = Hauptschirm nicht abtrennen = perfekter Landefall
ð    wenn kein Abtrennen erfolgt ist = Landen ohne Flare

n     DOWN-PLANE-Situation ( Kappen rasen links und rechts vom Springer zu Boden )
Situation nicht landbar = schnell und auf jeden Fall Hauptschirm abtrennen